50 Jahre deutsch-jugoslawisches Anwerbeabkommen (1968-2018)

EinwanderInnen aus der ersten Generation erzählten auf dem Empfang des Mannheimer Migrationsbeirates – Gemeinsame Erinnerungskultur voranbringen

50 Jahre deutsch-jugoslawisches Anwerbeabkommen (1968-2018)

ZeitzeugInnen sitzend (v.l.n.r.): Kemal Hodžić, Hanifa Hodžić, Ankica Horvath-Demuth, Fatima Xhigolli, Elmi Idrizi, Olga Kotarilić, Rosa Omeňaca Prado (Moderatorin)

Auf Einladung des Mannheimer Migrationsbeirates berichteten unter der Moderation von Rosa Omeňaca Prado am vergangenen Freitagabend (12.10.2018) beim Empfang „MannHEIM, neue HEIMat?“ anlässlich des 50-jährigen Jubiläum des letzten Anwerbeabkommens vier Frauen und zwei Männer als ZeitzeugInnen von ihren persönlichen Erinnerungen. In den Räumlichkeiten des MARCHIVUM konnte der Beiratsvorsitzende Miguel Angel Herce außerdem den Vorsitzenden der SPD-Gemeinderatsfraktion Ralf Eisenhauer, Stadtrat Eberhard Will (Bürgerfraktion), den kosovarischen Generalkonsul Blerim Canaj, den Bundestagsabgeordneten Josip Juratović (SPD), Fatih Ekinci vom baden-württembergischen Ministerium für Soziales und Integration (und selbst Mitglied im Migrationsbeirat) sowie den persönlichen Referenten des Oberbürgermeisters Petar Drakul und mehrere Bezirksbeiräte begrüßen.

Ausgelöst durch das Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland wurde am 12. Oktober 1968 das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der damaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien unterzeichnet, als letztes von insgesamt neun Anwerbeabkommen. Viele der Menschen, die damals nach Deutschland und in die Handels- und Industriestadt Mannheim zum Arbeiten kamen, sind – entgegen ihrer ursprünglichen Rückkehrpläne – bis heute geblieben.

Die ZeitzeugInnen berichteten vom Pendeln zwischen dem Heimatort im Herkunftsland und dem Arbeitsort Deutschland, von harter Arbeit, zum Teil schwierigen Arbeits- und Wohnbedingungen, der ehnsucht nach der Heimat und den Liebsten, dem Zurechtfinden in einer fremden Sprache und Kultur sowie dem Nachholen oder Gründen einer Familie – es war ein langer Weg zur zweiten Heimat Mannheim. Heute prägen sie und ihre Nachkommen das Bild Mannheims und übernehmen Verantwortung für die Stadtgesellschaft, sei es in Unternehmen, Vereinen oder städtischen Institutionen.

Ömür Tosun, stellvertretende Vorsitzende des Migrationsbeirates und selbst Tochter ehemaliger Gastarbeiter, erinnert: „Wir haben den Menschen, die damals kamen, viel zu verdanken. Und dennoch erhalten viele von ihnen trotz jahrelanger harter Arbeit unter zum Teil schwierigen Bedingungen heute nur eine geringe Rente und sind von Altersarmut betroffen bzw. bedroht. Dieser Aspekt sollte, ebenso wie der Aspekt der kultursensiblen Pflege, mehr in den Blickpunkt der Politik rücken.“

Stadtrat Ralf Eisenhauer, der als Stadtvertretung die Grüße des Oberbürgermeisters und Gemeinderates übersandte, hob die Bedeutung der Veranstaltung für eine gemeinsame Erinnerungskultur sowie für die Stärkung eines Wir- und Zusammengehörigkeitsgefühls in der Einwanderungsstadt Mannheim hervor. Außerdem begrüßte er den Antrag des Migrationsbeirates an den Gemeinderat, der Einwanderung der GastarbeiterInnen nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Denkmal zu erinnern (Bürgerinformationssystem der Stadt Mannheim A150/2018).  

Miguel Angel Herce, Vorsitzender des Migrationsbeirates, erklärt: „Stellvertretend für alle EinwandererInnen, welche im Zuge der Anwerbeabkommen nach Deutschland gekommen sind, möchte der Migrationsbeirat seinen Respekt und seine Wertschätzung übermitteln. Beim Gespräch der ZeitzeugInnen sind vielen von uns besondere Erinnerungen hochgekommen. Es war ein langer Weg bis zur Anerkennung als Einwanderungsland. Dieser Weg ist noch nicht zu Ende. Wir werden diesen Prozess weiterhin kritisch konstruktiv begleiten.“

Dr. Anja Gillen vom MARCHIVUM gab den Gästen in ihrem Impulsvortrag einen tieferen Einblick in die Mannheimer Migrationsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Da insbesondere zur Thematik der sogenannten GastarbeiterInnen jedoch keine ausführliche Darstellung vorliegt, ist das MARCHIVUM über Unterlagen migrantischer Vereine, Institutionen oder Einzelpersonen jederzeit dankbar.  

Cem Yalçnkaya, stellvertretender Vorsitzender des Migrationsbeirates und selbst aktiv im Organisationskomitee, erklärt zum Empfang: „In Mannheim leben Zehntausende von Menschen, deren Eltern oder Großeltern oder sogar Urgroßeltern als sogenannte GastarbeiterInnen im Zuge der neun Anwerbeabkommen nach Deutschland eingewandert sind. Die EinwandererInnen der ersten Generation haben durch ihre individuellen Leistungen einen großen Beitrag zum Wohlstand Mannheims geleistet und dafür gesorgt, dass Mannheim auch unsere Heimat geworden ist. Der Abend hat uns deutlich gezeigt, wie vielschichtig, vielfältig und kulturell breit aufgestellt die Mannheimer Stadtgesellschaft ist. Die Erfahrungen und Perspektiven der ZeitzeugInnen sollten noch stärker in der demokratischen Bildungsarbeit und in Schulbüchern berücksichtigt werden.“

Umrahmt wurde das Programm von Auftritten verschiedener Mannheimer Kulturvereine der Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, die mit Tanz und Musik die Kultur und Tradition ihrer Herkunftsländer präsentierten.

Migrationsbeirat Mannheim