Nach Nazi-Parolen und Massenschlägerei: mehr als 800 Menschen bei #wirsindmehr-Kundgebung in Wiesloch [mit Bildergalerie]

Nach Nazi-Parolen und Massenschlägerei: mehr als 800 Menschen bei #wirsindmehr-Kundgebung in Wiesloch [mit Bildergalerie]Nach einer Massenschlägerei mit ausländerfeindlichen Parolen in der Wieslocher Innenstadt (KIM berichtete) sind die Bürger und Bürgerinnen der Großen Kreisstadt auf die Straße gegangen und setzten ein klares Zeichen gegen die zunehmende Ausländerfeindlichkeit in Deutschland. Diese Fremdenfeindlichkeit ist auch deutlich in der Metropolregion Rhein Neckar zu spüren, wie nicht nur der Vorfall in Wiesloch zeigt.

Dabei soll eine Gruppe von Männern, nach Zeugenaussagen zufolge betrunken durch Wiesloch gezogen sein und eine Schlägerei provoziert haben. Vor einer Eisdiele haben sie ausländerfeindliche und Nazi-Parolen gerufen, das bestätigte auch die Polizei im Nachgang. Die Kripo Heidelberg ermittelt mittlerweile wegen Volksverhetzung. Nach aktuellen Erkenntnissen handele es sich bei den mutmaßlichen Tätern nicht um Personen, die aus Wiesloch kommen. In Wiesloch selbst ist keine rechte Szene bekannt.

Während sich die AfD im Schulterschluss mit Rechtsextremen und gewaltbereiten Rechtsradikalen öffentlich und transparent zeigt und sie überhaupt keine Berührungsängste mit demokratiefeindlichen Gruppierungen hat, formieren sich bundesweit immer mehr Menschen und gehen gegen Hass, Hetze, rechtsextreme Gewalt und die AfD auf die Straße.

„Wiesloch ist tolerant, bunt und vielfältig – nicht braun!“ #wirsindmehr

Die Veranstaltung musste aufgrund der zu erwartenden Menschen vom Otmar-Alt-Brunnen auf den Adenauerplatz verlegt werden und die Veranstalter sollten recht behalten, mit mehr als 800 Menschen war der Platz am Montagabend, proppenvoll.

Das Aktionsbündnis “Wiesloch ist tolerant, bunt und vielfältig – nicht braun”, hatte zu der Kundgebung am Abend aufgerufen. Diesem Aufruf schlossen sich Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und weitere Bündnisse an.

„Wiesloch spricht sich deutlich gegen Rechts aus!“

Nach Nazi-Parolen und Massenschlägerei: mehr als 800 Menschen bei #wirsindmehr-Kundgebung in Wiesloch [mit Bildergalerie]Wieslochs Oberbürgermeister Dirk Elkemann betonte das weltoffene und tolerante Wiesloch. „Wir haben mit dem heutigen Abend eine entsprechende Antwort gefunden. Wir wollen so was nicht in Wiesloch haben. Das ist eine ganz kleine Zahl an Personen. Die Mehrheit, die steht heute hier und spricht sich gegen Rechts aus.” Wir lassen uns unsere Werte und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft nicht kaputt machen.

Er appellierte auch an die Verantwortung jedes Einzelnen: Gerade in sozialen Netzwerken sollten wir darauf achten, was wir so teilen und verbreiten – wer steckt dahinter und was will der Verfasser erreichen?

Das Internet ist voll von Hass, Hetze und Fremdenfeindlichkeit. Bevor man etwas in den sozialen Netzwerken teilt, sollte man besser zweimal hinschauen, was sich wirklich hinter manchen Seiten und Behauptungen versteckt.

Betroffene spricht auf der Bühne!

Der Schock sitzt bei den Opfern und Zeugen immer noch tief: In einer kurzen Ausführung zu der Gewalttat äußerte sich eine direkt Betroffene. „Schon hochkommend haben die geschrien: Ausländer raus und Deutschland den Deutschen. Wir haben erst gedacht, die machen Spaß“, sagt Sevda Kog, die mit ihrer Familie vor dem Laden saß. Wenn ich hier sehe, wie viele gute Menschen es gibt, habe ich jetzt keine Angst mehr.“

„Wir müssen dem bösen jeden Tag das Gute entgegenstellen!“

Lars Castellucci, Sprecher für Migration und Integration der Bundestagsfraktion SPD sagte:

Ist es ein Traum? Ist es ein Traum, dass alle Menschen, wir alle und alle die anderen, gut miteinander auskommen, gut zusammenleben? Dass nicht zählt, wo Du herkommst, an was Du glaubst, wen Du liebst? Ein Traum für die Welt und sogar für unser kleines Städtchen? Manchmal, immer wenn etwas passiert, wie jetzt auch in Wiesloch, kann man diesen Eindruck gewinnen.

Es passiert aber auch so viel Gutes, über das eben nicht gesprochen wird, das für selbstverständlich gehalten wird, das uns gar nicht mehr auffällt. Deshalb ist dieses Zeichen heute so wichtig. Wir müssen dem bösen jeden Tag das Gute entgegenstellen. Wiesloch ist… Tolerant, bunt und vielfältig – keine Toleranz der Intoleranz. Wir leben hier in Wiesloch gut zusammen, aber es geht noch mehr. Wir sind mehr. Wir sind sogar viel mehr, davon bin ich überzeugt.

Genau an diesem Punkt müssen wir weiter machen, schaut man in die sozialen Medien oder die Talkshows oder manche Umfrageergebnisse – da gewinnt man den Eindruck, dass das Wir schrumpft. Wenn das Wir schrumpft, bedeutet das: Die Spaltung in unserem Land nimmt zu. Das dürfen wir nicht weiter zulassen. Ihnen müssen wir uns mit allem, was wir haben entgegenstellen. Für unsere Demokratie, für unsere Werte. Auch in Wiesloch, in der Region, in Deutschland und nicht zuletzt in Europa.

Wir alle müssen Nazis bekämpfen, aber wir müssen auch um diejenigen kämpfen, die ihnen drohen und auf den Leim gehen. Der Nationalismus ist auf dem Vormarsch und dass müssen wir verhindern. Wir müssen unser eigenes Land verbessern, anderen Völkern die Hände reichen. Gemeinsam, wir zusammen können das erreichen. Der Blick muss nach vorne gehen.

Nach Nazi-Parolen und Massenschlägerei: mehr als 800 Menschen bei #wirsindmehr-Kundgebung in Wiesloch [mit Bildergalerie]In Wiesloch ist geplant, einen neuen Verein zu gründen. Er soll sich genau für diese Themen einsetzen – Castellucci rief alle auf dem Adenauerplatz auf, dabei zu sein, mitzuarbeiten. Toleranz und Offenheit ist wichtig – das bedeute aber auch, Intoleranz ganz klar die Grenzen aufzuzeigen.

Am Rand der Gesellschaft!

Vertreterinnen der beiden Kirchen in Wiesloch, erinnerten an den Auftrag Jesu Christi, sich auch und gerade für diejenigen am Rand der Gesellschaft einzusetzen, die unsere Hilfe benötigen. Die Kirchen engagieren sich vor Ort schon seit einiger Zeit – für Toleranz, gegen Hass – für Asyl und Austausch, auch direkt vor der eigenen Haustür.

Respekt und Würde!

Zum Ende der Veranstaltung spielte die „Ska-Band against racism The Busters“. Jedem, der das Gefühl kennt, verzichten zu müssen, sei von THE BUSTERS die Hand gereicht! Es gibt von zu vielem immer weniger: Respekt und Würde.

(Bericht: John Brambach | Fotos: John Brambach und Erik Butz)

 

Siehe auch: Wiesloch: Massenschlägerei nach rassistischen Beleidigungen – Polizei ermittelt wegen Landfriedensbruch – Polizeibeschäftigter unter den Angreifern

 

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