Krieg als Familienfest: Der “Tag der Bundeswehr” in Mannheim

Krieg als Familienfest: Der "Tag der Bundeswehr" in Mannheim

Tag der Bundeswehr in Mannheim-Neuostheim

Am 9. Juni 2018 fand zum ersten Mal ein Tag der Bundeswehr in Mannheim statt. Die Werbeveranstaltung des Heeres gibt es seit 2015 einmal jährlich und ist mehr als nur ein “Tag der offenen Tür”. Es ist eine Charmeoffensive des Militärs zur Präsentation in der Öffentlichkeit – selbstverständlich nicht uneigennützig. Es geht um Nachwuchsgewinnung auf einem umkämpften Arbeitsmarkt, um die finanzielle Ausstattung des Militärs und um die Zustimmung der Bevölkerung zu “ihrer” Truppe.

Mannheim bot als einziger Standort im Südwesten eine Großveranstaltung. Auf dem Bildungscampus der Bundeswehr in Neuostheim präsentierten sich verschiedene Bereiche der Bundeswehr, von der Zivilverwaltung bis zu kämpfenden Einheiten. Die im Stil eines Familienfestes organsierte Veranstaltung zog erwartungsgemäß zahlreiche Besucher*innen an.

In eigener Sache: Akkreditierung und Pressebetreuung

Im Vorfeld meldeten wir uns für das Kommunalinfo mit drei Personen beim Presseverantwortlichen der Bundeswehr am Standort Mannheim an. Das Kommunalinfo war vorab per Pressemitteilung über die Anmeldemodalitäten informiert worden. Von den drei Personen wurden zwei jedoch abgelehnt, darunter auch der redaktionell Verantwortliche. Kriterium für eine Akkreditierung, d.h. Anmeldebestätigung war laut Bundeswehr ein “amtlich anerkannter Presseausweis”, der nur von einer Person vorgezeigt wurde. Letztlich führte es zu der absurden Situation, das ein Vertreter des Kommunalinfo akkreditiert war, die beiden anderen als Begleitung aber mitkommen konnten – die Veranstaltung war ja öffentlich.

Wir bekamen einen persönlichen Ansprechpartner an die Seite (man könnte auch spöttisch sagen: einen Aufpasser). Dieser führte uns über das Gelände und wählte Gesprächspartner*innen für die jeweiligen Themen aus.

Begrüßung

Krieg als Familienfest: Der "Tag der Bundeswehr" in Mannheim

Begrüßung mit Bürgermeister Christian Specht (links)

So ging es zu viert auf Tour über den Bildungscampus. Erste Station: Begrüßung auf der Hauptbühne. Der große Platz war um kurz nach zehn noch leer, auf den Banken saß kaum einer in der prallen Sonne. Neben einigen bekannten Offiziellen, die auf solchen Veranstaltungen Stammgäste sind, konnten wir an politischen Vertretern Mandatsträger der CDU, u.a. die MdBs Löbel und Lamers, der AfD und der Mannheimer Liste erkennen. Bert Siegelmann vom Rhein-Neckar-Fernsehen moderierte das Bühnenprogramm. Begrüßt wurden wir vom Präsidenten des Bildungszentrums, Herrn Reifferscheid und der Präsidentin der Verwaltungshochschule Frau Jahnz.

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Für die CDU eine Pflichtveranstaltung, hier im Bild Nikolas Löbel (links), Karl A. Lamers (rechts), im Hintergrund mit grünem Hemd Claudius Kranz

Für die Stadt Mannheim begrüßte der erste Bürgermeister Christian Specht. Mannheim könne “stolz sein, die größte Bildungseinrichtung der Bundeswehr in Deutschland” zu beherbergen. Geradezu enthusiastisch sprach Specht davon, “so viele Panzer schon lange nicht mehr in Mannheim gesehen zu haben.” Der Dank ging an alle Soldat*innen und an diejenigen, die hinter der Bundeswehr stünden. Die Bundeswehr würde die Meinungsfreiheit schützen, auch von denjenigen, die vor dem Eingang draußen gegen die Bundeswehr demonstrieren würden. Das Prinzip der Bundeswehr “Führung und Auftrag” könne auch ein Vorbild für die Politik sein. Für später kündigte Specht ein “einzigartiges musikalisches Crossover” an: Ein gemeinsames Konzert der Musikcorps von Bundeswehr und Polizei und der Mannheimer Popakademie.

Verteidigungsministerin Ursula van der Leyen sprach am Nachmittag mittels einer Videogrußbotschaft über eine Großleinwand. Auch sie lobte den “selbstlosen” Einsatz der Soldat*innen für das Land . Politik und Gesellschaft müssten ihrerseits alles dafür tun, damit die Soldat*innen bei der Umsetzung ihres Auftrags mit bestem Material unterstützt werden.

Der Bundeswehrbildungsstandort Mannheim

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Das Gebäude der Bildungseinrichtung BiZBw

Um uns ein umfassendes Bild machen zu können, informierten wir uns über die Einrichtungen der Bundeswehr am Standort Mannheim. Auf dem Bildungscampus befinden sich zwei getrennte Einrichtungen. Zunächst das Bildungszentrum der Bundeswehr (BiZBw), das eine breite Palette an Bildungslaufgängen in den Bereichen Wirtschaft, Jura, Soziales und Technik für zivile und militärische Angehörige der Bundeswehr bietet. 800 Menschen sollen dort studieren, allerdings im Blockunterricht, das heißt Mannheim ist nur eine von mehreren Stationen. Die jüngsten seien 15 Jahre alt, die beispielsweise Ausbildungen im mittleren technischen Dienst beginnen, es gäbe aber auch ältere, z.B. ehemalige Soldaten, die einen zweiten Bildungsweg einschlagen, erklärte uns eine Vertreterin am Infostand. Die meisten seien Zivilbeschäftigte der Bundeswehr.

Die zweite Einrichtung ist die Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, die ein Duales Studium im Bereich Bundeswehrverwaltung anbietet. Dort sollen sich aktuell rund 550 angehende Beamt*innen im gehobenen (nichttechnischen) Dienst auf ihren Abschluss vorbereiten, erklärte uns eine Professorin. Das Duale Studium sieht neben den Theorieblöcken an der Hochschule Praxisphasen in Einrichtungen der Bundeswehr vor.

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Viele Plätze in der prallen Sonne vor der Bühne blieben leer

Weiter ist zu erwähnen, dass es in Mannheim zwei zivile Hochschulen gibt, die Studiengänge in Kooperation mit der Bundeswehr anbieten. Die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) bietet hier Maschinenbau und Mechatronik an, der dritte Studiengang Informatik mit Studienrichtung “Cyber Security” ist aktuell in Vorbereitung und beginnt 2019. Die Hochschule Mannheim soll gemeinsam mit der Bundeswehr die Studiengänge Energietechnik und erneuerbare Energien, Informatik, Nachrichtentechnik/Elektronik und Technische Informatik anbieten.

Nach Einschätzung der Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) ist der Bildungscampus Mannheim keineswegs ein harmloser Bildungsstandort, an denen vorwiegend zivile Tätigkeiten erlernt würden. Vor allem die Öffentlichkeitsarbeit, die von der Führungsabteilung um den Präsidenten Christoph Reifferscheid organisiert wird, fördert nach Einschätzung des DFG-VK die Militarisierung der Gesellschaft. Die wehrtechnischen Symposien und der „Sicherheitspolitische Dialog in der Metropolregion Rhein-Neckar“ seien solche Veranstaltungen, bei denen das nach eigener Aussage “sehr gut vernetzte” BiZBw gesellschaftliche Diskussionen mitbestimmt.

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Sylvia Jahnz, Dekanin an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung und Christoph Reifferscheid, Präsident des BiZBw

Bei den Symposien tauschen sich Teilnehmer*innen aus Forschung, Industrie, Wirtschaft und Öffentlichem Dienst aus und pflegen Kontakte. Bei den Veranstaltungen “Sicherheitspolitischer Dialog” geht es um Diskussionen über außen- und sicherheitspolitische Themen, beispielsweise Auslandseinsätze der Bundeswehr, mit der zivilen Bevölkerung. Pressebeauftragter Oberstleutnant Thilo Koch beschreibt die Bedeutung solcher Veranstaltungen in einer Publikation des BiZBw mit den Worten: “(…) nur so kann die eigene Bevölkerung für die Veränderungen sensibilisiert und für die einzuleitenden Maßnahmen gewonnen werden.” Das BiZBw muss also auch als Lobbyorganisation der Bundeswehr für die Metropolregion Rhein-Neckar angesehen werden.

Neutrale Information oder Kriegspropaganda an den Schulen?

Lobbyarbeit machen auch die sogenannten Jugendoffiziere der Bundeswehr. Diese sind ausgebildete Öffentlichkeitsarbeiter für Projekttage und Informationsveranstaltungen an Schulen. Es geht um sicherheitspolitische Themen, die vom Bundeswehrvertreter nach Richtlinie des Beutelsbacher Konsens (Überwältigungsverbot, Kontroversität, Schülerorientierung, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Beutelsbacher_Konsens) in Schulklassen vermittelt werden. Eingeladen werden sie in der Regel vom Gemeinschaftskundelehrer – wenn dieser das Angebot gut findet. Die Jugendoffiziere machen keine direkte Nachwuchsrekrutierung, dem Mannheimer Jugendoffizier ist aber auch klar, dass er persönlich entscheidend dafür verantwortlich ist, welches Image von der Bundeswehr in der Klasse hängen bleibt. Er ist für die Region Mannheim, Rhein-Neckar-Kreis und Neckar-Odenwald-Kreis zuständig und führt dort regelmäßig Schulveranstaltungen durch, teils in Kooperation mit dem Lions Club oder Reservistenverbänden. Mit seinen Kollegen hat der Jugendoffizier beim Tag der Bundeswehr einen Escape Room im Luftschutzkeller der Einrichtung aufgebaut. Nur wer Fragen zu sicherheitspolitischen Themen richtig beantwortet, kann die Türen zum Ausgang öffnen.

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Mobiler Karrieretruck der Bundeswehr

Für die konkrete Nachwuchsgewinnung sind die Karriereberater der Bundeswehr zuständig. Am entsprechenden Stand wurde uns ein erfahrener Haudegen als Gesprächspartner an die Seite gestellt – eine Persönlichkeit, wie man sich einen Bundeswehrausbilder der alten Schule vorstellt. Er berichtete ohne Punkt und Komma von Einsatztätigkeiten auf Berufsinformationsveranstaltungen, Messen und an Schulen. Zudem biete man bei konkretem Interesse Einzelner persönliche Beratungsgespräche an, bei Minderjährigen unter Anwesenheit der Erziehungsberechtigten. Bedauerlich sei, dass die Bundeswehr kaum an Gymnasien heran komme, da die Werbeveranstaltungen nur auf freiwilliger Basis, sprich mit Einverständnis der Schulleitung stattfinden könnten. Er vermutete dort weit verbreitetes pazifistisches Gedankengut.

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Schlange stehen am Leo: Viele wollten sich auf dem Panzer fotografieren lassen

15 Karriereberater gebe es in Baden-Württemberg. In Mannheim gibt es ein eigenes Büro. Auf die konkrete Nachfrage unsererseits, an welchen Schulen in Mannheim regelmäßig Informationsveranstaltungen zur Karriere bei der Bundeswehr stattfänden, könne er nichts sagen und verwies auf seine für Mannheim zuständige Kollegin. Diese wurde uns, nachdem sie von unserem Pressebegleiter im Vier-Augen-Gespräch vorbereitet wurde, als lokale Ansprechpartnerin vorgestellt. Neues erzählte sie uns jedoch nicht. Auf die konkrete Frage, an welchen Mannheimer Schulen Veranstaltungen stattfänden, reagierte sie ausweichend. Das wüsste sie nicht auswendig, da müsste sie in ihrem Büro nachschauen.

Von ehemaligen Schüler*innen wurde dem KIM berichtet, dass in der Vergangenheit z.B. am Feudenheim Gymnasium Werbeveranstaltungen der Bundeswehr stattfanden. Das hatte zu hitzigen Diskussionen und Protesten aus den Reihen der Schüler*innen gesorgt.

Kooperation mit zivilen Organisationen

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Kriegsspiele mit ferngesteuerten Panzern

Auf dem Gelände des Bildungszentrums der Bundeswehr präsentierten sich einige Organisationen mit Infoständen. Das waren der Bundeswehr nahestehende und berufsständische Vereinigungen wie “Deutscher Bundeswehrverband”, der “Verband der Arbeitnehmer der Bundeswehr” im dbb aber auch ver.di, die die Zivilbeschäftigten der Bundeswehr tarifvertraglich über den Tarifvertrag des Öffentlichen Dienst vertreten. Des weiteren gab es einen Infostand des “Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge” VDK und des “Soldatenhilfswerks”, das u.a. Familienangehörige beim Todesfall eines Soldaten unterstützt. Kurios mutet “Lachen helfen e.V.” an, eine “Initiative deutscher Soldaten und Polizisten für Kinder in Kriegs- und Krisengebieten”.

Bemerkenswert ist das musikalische Engagement der Popakademie, einer Einrichtung des Landes Baden-Württemberg in Kooperation mit der Stadt Mannheim. Hier klappte die von der Bundeswehr angestrebte militärisch-zivile Zusammenarbeit offensichtlich vorzüglich.

Proteste gegen den Tag der Bundeswehr

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Friedenskundgebung gegenüber des Eingangsbereichs, immer im Blick von Polizei und Soldaten

Es gab aber auch Widerspruch gegen den „Tag der Bundeswehr“. Das Mannheimer Friedensplenum und die DFG-VK, unterstützt von VVN-BdA, Die Linke, Die Partei und Friedensbündnis Heidelberg riefen zum Widerstand gegen die Werbeshow des Heeres auf. Es gab eine Mahnwache am Hauptbahnhof, es wurden Flugblätter verteilt auf dem Parkplatz für die Besucher*innen, es gab einen Infostand vor dem Eingang des Bildungszentrums – allerdings hinter der Absperrung an der Seckenheimer-Landstraße, die aus “Sicherheitsgründen” für die Bundeswehrveranstaltung abgesperrt wurde. Die Friedensbotschaften über Lautsprecher waren aber trotzdem bis in das Veranstaltungsgelände hinein zu hören. Außerdem gab es subversive Papierschnitzel-Aktionen (“Werben für´s Sterben”) an der Vorführstation für den Leopard Panzer und eine Transparent-Aktion im Gelände.

Kommentar

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Eine kleine Runde vor dem Panzer war möglich, bevor die Friedensaktivistinnen von Feldjägern raus geworfen wurden

Die Bundeswehr berichtet in ihrer Abschlussmitteilung zum Tag der Bundeswehr statt der erwarteten 15.000 von 10 000 Besucher*innen in Mannheim. Die teils leeren Bänke auf den Bildern täuschen aber. Tatsächlich kamen viele Menschen trotz unangenehm schwüler Hitze zur Veranstaltung, darunter viele Familien und junge Menschen, die sich über Berufsmöglichkeiten informierten. Das Gelände war weitläufig, das Angebot umfangreich. Ganz klar, das Konzept der Bundeswehr ging zumindest zum Teil auf. Sie konnte sich freundlich, attraktiv, modern und offen präsentieren.

Auffällig war der Aufwand und die Personalausstattung, mit der die Bundeswehr ihre Gäste betreuen konnte. Nicht nur für die Presse gab es persönliche Begleitung. Alle Infostände und Stationen waren üppig mit Personal ausgestattet. Wer eine Frage hatte, bekam sofort ein ausführliches, persönliches Gespräch. Auch sonst glänzte die Veranstaltung an allen Ecken und Enden mit Professionalität, Service und außergewöhnlichem Programm. Die Veranstaltung muss Unsummen verschlungen haben.

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Papierschnipsel mit kleinen Botschaften lagen auf dem Veranstaltungsgelände

Viele Menschen kamen sicherlich aus voyeuristischen Gründen, um Fallschirmspringer und den Airbus-Überflug zu sehen oder sich am Steuer eines echten Armeefahrzeugs fotografieren zu lassen. Sinnbild brutaler Realität wurde der Leopard Panzer, gleich am Eingang. Hier in Mannheim, in Deutschland, klettern die Kinder am Samstagnachmittag auf der Kanone herum, lassen sich von ihren Eltern fotografieren und gehen danach ein Eis essen. In Nordsyrien flohen die Kindern vor dem gleichen Panzer, versteckten sich vor dem Artillerie-Beschuss im Keller und verloren Eltern, Geschwister und Freunde.

Nein, Krieg sollte kein Familienfest sein. Krieg, Rüstung und Militär gehören auf den Müllhaufen der Geschichte.

(rs, cr, cki)

 

Weitere Bilder vom “Tag der Bundeswehr” und den Gegenprotesten

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