Rechte Kundgebungen in Kandel: Erstmals größere Gegendemo [mit Bildergalerie]

“Wir sind Kandel” war das Motto der Gegendemo

Zur mittlerweile vierten Demonstration rechter Gruppen nach dem Tod einer Jugendlichen im Dezember, kam es am 24. März in der südpfälzischen Kleinstadt Kandel. Erstmals seit Beginn der Aufmärsche konnten demokratische Kräfte mehr Menschen zur Gegendemo auf die Straßen bringen, als die rechten Gruppen. Diese hatten sich erneut unter dem Motto „Kandel ist überall“ versammelt. Den Tod der 15 jährigen Mia, die von ihrem Ex-Freund, einem Asylbewerber, erstochen wurde, nahmen sie erneut zum Anlass, um gegen die Flüchtlingspolitik, den Islam, die Merkelregierung und die Medien zu demonstrieren. Der Gegenprotest unter dem Motto „Wir sind Kandel“ zog nach einer großen Auftaktkundgebung am Bahnhof durch die Stadt – streng getrennt durch die Polizei, die ein Aufeinandertreffen mit Teilnehmer*innen der rechten Demo verhinderte.

Demozug “Wir sind Kandel”

Breiter Gegenprotest wirbt für die demokratische Gesellschaft

Rund tausend Polizeibeamte versetzten Kandel in einen Belagerungszustand. Entlang der Hauptstraße teilten sie die Stadt in zwei Bereiche. Südlich der Linie demonstrierte das demokratische Bündnis „Wir sind Kandel“ zuerst auf dem Bahnhofsvorplatz, dann über Bahnhofstraße und Sommerstraße zum Platz vor dem Verwaltungsgebäude, wo eine Abschlusskundgebung statt fand. In den Reden wurde deutlich gemacht, dass sich die Menschen aus Kandel und Umgebung die rechten Aufmärsche nicht weiter gefallen lassen wollten und den flüchtlingsfeindlichen Parolen demokratische Werte, wie Offenheit, Respekt und Toleranz entgegen setzten.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer

Prominenteste Rednerin der Veranstaltung war die Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die am Bahnhof sprach. Auch Vertreter der Kirchen bezogen Stellung gegen die rechten Kundgebungen. Es hatten Parteien, Vereine, Verbände und Antifa-Gruppen mobilisiert. Die Veranstalter*innen schätzen die Teilnehmerzahl auf über 2000 Personen.

Rechte Parolen auf dem Marktplatz

Rechte Demo “Kandel ist überall” mit AfD-Landtagsabgeordneter Christina Baum (mitte, mit weißer Jacke)

Nördlich der Hauptstraße traf sich das Bündnis „Kandel ist überall“ um die Baden-Württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Christina Baum. Auf dem Marktplatz kamen nach Polizeiangaben über 1000 Rechte zusammen. Die Veranstalter*innen reklamierten eine wesentlich höhere Teilnehmerzahl für sich. Die Stadthalle war mit einem großen Banner der Gegenveranstaltung geschmückt. Aus einem Kirchengebäude kam laute Musik. Auch auf der Zugstrecke hatten viele Geschäfte Plakate für ein offenes, demokratisches Kandel in die Schaufenster gehängt.

Rund 1000 Teilnehmer*innen zählte die rechte Kundgebung auf dem Marktplatz

Neben AfD-Anhänger*innen und sogenannten „besorgten Bürgern“ waren erneut Vertreter*innen der Identitären Bewegung, PEGIDA, Hooligans und Neonazis Teil der Veranstaltung von „Kandel ist überall“. Parteifahnen waren wieder tabu. Die parteipolitische Prägung durch Inhalte und Personen der AfD war aber offensichtlich. Auf Plakaten und Bannern wurde gegen den Islam und zugewanderte Menschen gehetzt. Auch andere Themen, wie der Protest gegen Rundfunkgebühren, das Netzdurchsetzungsgesetz, die Außenpolitik gegenüber Russland, Antisemitismus und Verschwörungstheorien fanden Ausdruck durch die Teilnehmer*innen der Veranstaltung.

Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz und trennte die beiden Demonstrationen voneinander

Auf der Kandeler Bühne beschäftigen sich die Rechten längst nicht mehr nur mit dem tragischen Tod der Jugendlichen Mia. Sie ist zum Spielfeld einer breit aufgestellten, inhaltlich diffusen rechten Bewegung geworden – angeführt von Akteur*innen der AfD.

Kandel wird auch weiterhin Bühne bleiben

Die Veranstaltungen blieben weitgehend störungsfrei. Zur kurzen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Gegendemonstrant*innen kam es, als aus der Demo heraus Böller gezündet wurden. Die Polizei setzte daraufhin Schlagstöcke und Pfefferspray gegen die Menschenmasse ein und verletzte Unbeteiligte. Kurzzeitig wurde ein Teil der Demonstration festgesetzt. Nach Abzug der Teilnehmer*innen von „Kandel ist überall“ wurden die Eingekesselten zum Bahnhof zurück geleitet.

Fünf vorläufige Festnahmen gab es nach Angaben der Polizei

Insgesamt fünf Personen seien laut Polizei vorläufig festgenommen worden. Gegen einen Tatverdächtigen sei von Amts wegen Strafanzeige erstattet worden, da er den sogenannten Hitlergruß zeigte. Vier weitere Personen müssten sich wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Würfen mit Pyromaterial, Beleidigung und weiteren Delikten verantworten.

Der Zusammenhang eines Kabelschachtbrandes auf der Bahnstrecke Wörth-Kandel mit den Veranstaltungen wird von der Polizei vermutet. Möglicherweise sollte damit die Anreise der Rechten behindert werden und tatsächlich musste die Bahnstrecke von 14:40 bis 16:35 Uhr gesperrt werden. Ein Zug mit Veranstaltungsteilnehmer*innen wurde dadurch aufgehalten.

Kandel wird auch in den nächsten Wochen nicht zur Ruhe kommen. Die nächsten Demonstrationen sind für Samstag, 7. April angekündigt.

(Text: cki / Bilder: cki, C. Ratz und J. Brambach)

 

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