Die Rhein-Neckar-Region im Fokus – NSU-Untersuchungsausschuss befragte Christian Hehl und Matthias Herrmann

Sicherheitsvorkehrungen vor dem NSU-Untersuchungsausschuss | Bild: NSU-Watch BaWü

Im NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart wurden in der Sitzung am Montag, 05.03.2018 die Zeugen Christian Hehl und Matthias Herrmann vernommen. Beide waren in den Nuller-Jahren wichtige Funktionäre der Neonazi-Szene in der Rhein-Neckar-Region und Mitglieder des Kameradschaftsnetzwerk „Aktionsbüro Rhein-Neckar“ (ABRN). Darüber kannten sie Ralf Wohlleben, dem als Unterstützer des NSU in München der Prozess gemacht wird. Wohlleben, NPD-Funktionär aus Jena betreute den Internetauftritt des ABRN. Matthias Herrmann ist ebenfalls in Jena aufgewachsen, bevor er um die Jahrtausendwende zum studieren nach Mannheim kam.

Die Kenntnis des NSU oder gar eine Unterstützung bestritten die beiden in ihren Vernehmungen, dennoch brachte die Sitzung Informationen über die Strukturen der rechten Szene zu Tage.

Hehl: „Ich kenne das Trio nur aus den Medien“

Christian Hehl | Archivbild: M. Peters

Zu Beginn der Vernehmung des Zeugen Hehl wird er zu zahlreichen Personen aus der rechten Szene befragt, ob er sie kenne. Er antwortet durchgehend mit ja, eine ungewöhnliche Auskunftsbereitschaft für eine Ausschusssitzung. Insgesamt wirkt Hehl redselig und offen, ganz anders als im Drogenprozess vergangenes Jahr.

Das hat einen Grund. Er ist Zeuge, nicht Beschuldigter. Auf die relevante Frage, ob er das NSU-Trio vor deren Selbstenttarnung kannte, antwortet er ausdrücklich mit nein. Erst 2011 habe er über die Medien davon Kenntnis genommen und sich später auf Fotos mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhard beim Rudolf-Hess-Marsch 1996 wieder erkannt. Er wundere sich selbst ein bisschen, dass er nie davon mitbekommen habe. Ein Foto, das Hehl bei der Demo in Worms in unmittelbarer Nähe von Beate Zschäpe zeigt, war Anlass für seine Vorladung in den Untersuchungsausschuss.

Christian Hehl gibt weiter bereitwillig Auskunft über das Aktionsbüro Rhein-Neckar. Das Neonazi-Netzwerk habe ab 2003 Kameradschaften in der Rhein-Neckar-Region vernetzt und in seinen besten Zeiten 120 Aktive gehabt. Seine Aufgabe sei es damals gewesen, freie Kameradschaften an die NPD zu binden und die meisten seien dann später Mitglied geworden.

Weiter gibt er an, mit der Rechtsanwältin Nicole Schneiders von 2003 bis 2006 gemeinsam in einer Wohnung in den Mannheimer Quadraten gewohnt zu haben. Sie sei dann ausgezogen, er wohne immer noch dort. Schneiders kommt wie Wohlleben und Herrmann aus Jena und zog zum studieren nach Mannheim. Heute vertritt sie den Beschuldigten Wohlleben als Anwältin im NSU-Prozess. Auch Hehl hat sie im Drogenprozess vergangenes Jahr anwaltlich vertreten.

Das Ende des „Aktionsbüro Rhein-Neckar“ ging mit der Gründung der Partei „Der III. Weg“ 2013 einher. Hehl hält Matthias Herrmann vor, bis zu 30 000 Euro aus NPD Kassen entwendet zu haben, um die neue Partei zu gründen. Es habe auch eine körperliche Auseinandersetzung mit ihm gegeben. Im Wartebereich vor der Ausschusssitzung habe er sich aber wieder mit ihm versöhnt. Davor habe es jahrelang keinen Kontakt gegeben.

Der Netzwerker Herrmann erinnert sich wenig

Matthias Herrmann (rechts am Transparent) | Archivbild: M. Peters

Herrmann ist der nächste Zeuge. Der Kontakt zu Ralf Wohlleben wegen Betreuung der Internetseite des ABRN lief über ihn, bestätigt er auf Nachfrage. Auch habe er flüchtig Kontakt zu Thomas Gerlach gehabt, einem weiteren Beschuldigten im NSU-Unterstützernetzwerk, kenne ihn aber nicht wirklich. Er bestätigt weiter den Kontakt zu André Kapke, dem ebenfalls die Unterstützung des NSU vorgeworfen wird.

Insgesamt ist Herrmann weniger auskunftsfreudig als Hehl. An viele Kontakte aus der Zeit des ABRN kann oder will er sich nicht erinnern. Seine Rolle in der Organisation spielt er herunter. Zuletzt bestreitet Herrmann den Vorwurf, er habe Geld von der NPD entwendet. Die körperliche Auseinandersetzung mit Hehl habe auch einen anderen Grund gehabt.

Bei der Befragung eines weiteren Zeugen Jug P. kommt eine zusätzliche Problematik der Aufklärungsbemühungen zum Tragen. Bei seiner Befragung berichtet er, er sei von staatlicher Seite bedroht worden. Auch sei ihm im Wald aufgelauert worden, wo er joggen gehe. Er sei sich sicher, das war der Verfassungsschutz. Er sage daher nichts mehr weiter aus, könne sich eben nicht mehr erinnern. Es seien schon so viele Zeugen, die etwas über den NSU wussten, auf mysteriöse Weise gestorben. Er wolle nicht der nächste Tote sein.

(cki)

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