Schweigemarsch in Kandel (Südpfalz) von Rechten instrumentalisiert – Polizeikräfte am Rande ihrer Möglichkeiten

Hintergrund: Am 27.12.2017 wurde eine 15 Jahre junge Frau Opfer eines Gewaltverbrechens. Sie soll von ihrem ebenfalls 15 Jahre alten Ex-Freund durch eine Messerattacke in einem Drogeriemarkt ums Leben gebracht worden sein. Der mutmaßliche Täter befindet sich seit der Tat in Untersuchungshaft. Es soll sich bei der Person um einen minderjährigen Asylantragsteller handeln, der nach seiner Einreise nach Deutschland 2016 über Hessen nach Rheinland-Pfalz kam, und zuletzt bis zu seiner Festnahme in einer Einrichtung für minderjährige unbegleitete Geflüchtete im Raum Neustadt/Weinstraße untergebracht gewesen sein soll. Gegen den mutmaßlichen Täter sollen Strafanzeigen vorgelegen haben seitens der getöteten „Mia“ und deren Eltern. Die Polizei hatte noch am Tattag eine Ansprache mit dem mutmaßlichen Täter, wie verschiedene Medien berichteten. Sämtliche Behörden ermitteln derzeit. Wir beschränken uns in unserer Berichterstattung aktuell ausschließlich auf den 02.01.18 und ergänzen diese mit weiteren Informationen.

Trauer versus völkischer, rassistischer Hetze

Weite Teile der Gemeinde in Kandel müssen sich seit dem Tattag im Ausnahmezustand befinden. Offizielle Gedenkveranstaltungen und Beileidsbekundungen von politischer Seite scheinen rechts-völkisch orientierten und agierenden Kreisen nicht genug zu sein um der getöteten jungen Frau auch nur annähernd ein würdiges Andenken zu bewahren. Diese radikalen Kräfte, auch parteipolitisch organisiert, haben keine Scham, der Familie der Verstorbenen weiteren Schaden zu zufügen – Hauptsache man(n)/frau kann gegen was auch immer auf der Straße protestieren und dies laut und diffamierend.
Das Bild, dass sich dem Berichterstatter kurz nach 18 Uhr vor dem Drogeriemarkt in der Lauterburger-Straße bot, war ein friedliches. Etwa 50 Menschen mit Kerzen in den Händen, sich vor dem angekündigten Regen mit bunten Regenschirmen schützend, hielten stille Mahnwache am Gedenkort. Es waren keine lauten Worte zu vernehmen. Ein Gefühl der Verbundenheit, des Zusammenstehens als Gemeinschaft war zu verspüren.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite zog indessen ein rund 200 Teilnehmer*Innen fassender Trauermarsch in Richtung Innenstadt los. Die Menschen, die dort mitliefen hatten anderes im Plan, als ihre Trauer auszudrücken, oder wussten es nicht besser, als beim „AfD-Gedenken“ am 30.12.17 an selber Stelle.
Der große Trauermarsch erreichte irgendwann Mal den Marktplatz, um eine Schweigeminute einzulegen, bei der auch gleichzeitig „Merkel muss weg“-Rufe skandiert wurden. Danach ging es prompt wieder zurück in Richtung Mahnwache vor dem Drogeriemarkt. Starke Polizeikräfte waren die ganze Zeit über vielerorts im Einsatz.
Der „Trauermarsch“ pflügte sich seinen Weg bis vor an die Gedenkstätte an der Drogerie. Dabei ging so der ein oder andere Regenschirm oder Sehhilfe nach grober Gewaltanwendung zu Bruch, ohne dass die anwesenden Polizeikräfte hiergegen spürbar eingeschritten wären. Mit Rufen wie „Volksverräter“, „haut ab, haut ab“, „Deutschlandfeinde“ und „schämt Euch“ sollten die wenigen Standhaften eingeschüchtert werden. Auch weitere bedrohliche Äußerungen, wie Vergewaltigungswünsche und die Anwendung körperlicher Gewalt sollen von den „Trauernden“ gegenüber den ansonsten anwesenden Gästen an der Mahnwache geäußert worden sein. Eine männliche Person zeigte sich stolz mit einem „erbeuteten“ bunten Regenschirm und brüstete sich damit eine Trophäe ergattert zu haben. Ein Anderer verliess den Ort in gedrückter Körperhaltung und brachte seinen von den Aggressoren zerstörten Regenschirm wohl nach Hause

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Die Möglichkeiten der Polizeikräfte vor Ort waren eingeschränkt, teilweise unkoordiniert, um die irgendwann unübersichtliche Gemengelage vor der Mahnwache vollends überschauen und kontrollieren zu können. Die Beamten*Innen waren in der Regel bemüht eine Eskalation der Gemüter zu unterbinden was aufgrund der eingetretenen Sachschäden nicht in jedem Fall gelang.
Zum „krönenden“ Abschluss wurde noch versucht die deutsche Nationalhymne aus rauen Kehlen der Marsch-Anhänger zu intonieren.

Nur als Schande kann es bezeichnet werden, was an diesem Abend in Kandel von Protagonisten des rechten Spektrums veranstaltet wurde. Dieser Gespensteraufzug hatte keinerlei ernsthaften Trauercharakter, sondern missbrauchte das Andenken an die Verstorbene Mia auf das Widerwärtigste. Aller Dank gebührt den ehrlichen Trauernden an der Mahnwache, die Opfer von Diffamierungen und Anfeindungen wurden. Nicht von ihnen ging die Gewalt aus, sondern von den Pseudo-Trauernden. Dies wurde leider in einigen Berichterstattungen/Agenturmeldungen falsch verbreitet. Aus welchem Grund sonst wäre es erforderlich gewesen, dass Polizeikräfte die Menschen sicher beim Verlassen des Ortes eskortieren mussten, um diese vor nicht auszuschließenden, weiteren Angriffen zu schützen?

 

Praktische Fakten
Laut Informationen der Tageszeitung DIE RHEINPFALZ und von AfD Watch Heidelberg kamen die Organisatoren des unwürdigen Trauermarsches aus dem Rhein-Neckar-Raum. Die Rheinpfalz berichtete, dass der Anmelder der Demo aus Mannheim kam, und bezieht sich dabei auf Polizeiangaben, „Dieser führt nach RHEINPFALZ-Recherchen eine Gruppe namens „Der Marsch 2017“ an. Diese Gruppe bewegt sich im rechten Spektrum und steht möglicherweise Reichsbürgern nahe.“ Gegen diese Darstellung wollen die Anmelder, unseren Recherchen zufolge, rechtlich vorgehen.
Unseren bisherigen Informationen gemäss könnte es sich bei dem Anmelder um Marco K. handeln, der auf Facebook mit mehreren Nutzerkonten vertreten ist und dabei die Bewegung „Der Marsch 2017“ propagiert.
Massiv zur Mobilisierung beigetragen soll nach Darstellungen der AfD Watch Heidelberg Edgar B., ein Unternehmer aus Mannheim, und Unterstützer der rechts-konservativen Bewegung „EinProzent“ sein, der auf Facebook ebenfalls mit mehreren Profilen vertreten ist.
Beide o.g. Personen sind von Augenzeugen in Kandel identifiziert worden.
Bereits am Nachmittag des 02.01.18 bemühte sich die Identitäre Bewegung (IB) Baden um Aufmerksamkeit vor dem Drogeriemarkt. Verschwunden waren ihre Banner ab 18 Uhr – unter dem Demozug der „Trauernden“ waren sie dennoch auszumachen. In der Stadt haben die völkischen Vertreter der IB, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, zahlreiche Aufkleber hinterlassen. Flyer wurden in der Nähe der Mahnwache nach Anbruch der Dunkelheit verteilt.
Augenzeugen zufolge befanden sich unter den Teilnehmer*Innen des rechtslastigen Flügels des vermeintlich friedfertigen Trauermarsches Vertreter
der Berserker Pforzheim, FCK-Hooligans, NPD- und AfD-Mitglieder aus der Region, Leute aus dem Umfeld von „Karlsruhe wehrt sich“ sowie „Fellbach wehrt sich“, als auch der Mannheimer, vormals erfolgreiche, Filmproduzent Imad Karim, der hinter verschlossenen Türen in der Hass- und Hetz-Facebook-Gruppe „Deutschland mon Amour“ agiert und auch schon als Filmer in Diensten der AfD aufgefallen ist.

(Christian Ratz)

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1 Antwort

  1. 8. Januar 2018

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