Neubau Kunsthalle: Gelingt die “Einbürgerung in die Stadtgesellschaft”?

Stolz präsentiert Sie ihren Neubau: Museumsdirektorin Dr. Ulrike Lorenz (links)

Mit einer großen, medienwirksamen Kampagne, wurde die Fertigstellung der Kunsthalle am Wochenende 15. bis 17. Dezember gefeiert und am 18. Dezember feierlich vom Bauherren an die Stadt Mannheim, die künftige Betreiberin, übergeben. Zum Festakt kamen zahlreiche prominente Gäste, allen voran Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Da stellt sich die Frage, ob bei der Vereinnahmung des Gebäudes durch die high society der eigentliche Zweck des Bürgermuseums in öffentlicher Hand überhaupt noch gegeben war? Denn für den “Bürger” war der Festakt mit Prominenz natürlich nicht frei zugänglich. Die 700 geladenen Gäste aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Kunstszene blieben ein exklusiver Kreis. Den Verantwortlichen der Kunsthalle um Museumsdirektorin Dr. Ulrike Lorenz gelang mit der Kampagne jedoch ein geschickter Spagat.

Zwischen Tradition und Neuerfindung

Der Eingang mit Glasskulptur, die Fassade ziert Edelstahl-Mesh

Die geschichtlichen Umstände um die Entstehung der Kunsthalle im Jahr 1907 lassen aufhorchen. Im Rahmen einer Kunst- und Gartenbauausstellung zum 300 jährigen Stadtjubiläum wurde das Gebäude eröffnet, zwei Jahre später folgte die Gründung als Museum. Der Zusammenschluss „Freier Bund zur Einbürgerung der Kunst in Mannheim“ wurde kurz darauf durch den ersten Direktor Fritz Wichert ins Leben gerufen. Mit 5000 Anmeldeformularen und 5000 Bleistiften sei er 1911 vor eine Bürgerversammlung getreten. 1000 Mannheimer*innen seien seinem Aufruf gefolgt und spontan dem Verein beigetreten – mit dem Bleistift in der Hand als Teil einer kunstschaffenden Stadtgesellschaft. Wicherts Ziel: Das Haus mit Leben füllen.

Der Verein betonte schon früh die tiefe Verankerung des Museums in der Bürgerschaft. Etwa 12 000 Mannheimer*innen sollen Mitglieder geworden sein, also ungefähr jeder zehnte Bürger der Stadt. Eine beeindruckende Zahl, die heute trotz Internet und Crowdfunding Kampagnen kaum vorstellbar ist.

So waren auch die bürgerschaftlichen Kunstsammlungen stets fortschrittlich und modern. Besonders hervor zu heben, ist die in den 20er Jahren durch Direktor Gustav Friedrich Hartlaub gezeigte Ausstellung “Neue Sachlichkeit”, die einer ganzen Stilrichtung den Namen gab.

Blick zur Decke des Atriums

Die Geschichte der Kunsthalle war am vergangenen Wochenende aber nur am Rande Thema. Der Fokus lag auf dem Neubau, auf Architektur. Und diese ist durchaus beeindruckend. Die äußere Ansicht wird durch das Edelstahl-Mesh bestimmt, eine Art Gittergeflecht, das sich um den gesamten Neubau herum zieht und im Tageslicht zu einer bronzefarbenen Erscheinung wird. Man konnte es auch mit verschiedenen Brauntönen beschreiben, was weniger edel klingt, aber der Realität näher kommt. Auf die baulichen Besonderheiten, Daten, Fakten, Materialien und architektonischen Stilrichtungen soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Das Architekturbüro gmp und die Kunsthalle geben sich alle Mühe, ihr Werk in Szene zu setzen. Details können daher an entsprechender Stelle nachgelesen werden.

Eine “Stadt in der Stadt”?

Die Besuchergruppe wird durch den Neubau geführt. Fotografieren war hier eigentlich verboten.

Mich interessierte mehr das konzeptionelle Motto der “Stadt in der Stadt”. Idee ist hierbei die freie Zugänglichkeit des Museums von der Straße als Erweiterung des öffentlichen Raums. Das war zumindest beim Festakt nicht gegeben, soll aber im Normalbetrieb im Rahmen der Öffnungszeiten gewährleistet sein. Der*die Besucher*in kann über den Eingangsbereich ohne Barriere (löblicherweise auch wirklich barrierefrei für Rollstühle) ins Atrium geleitet werden, das eine Art Halle in vertikaler Ausrichtung mit großem Oberlicht darstellt. Dieser Bereich, über den Museumshop, Restaurant sowie die Ausstellungsräume erreicht werden, wird von den Architekten auch als “Marktplatz” bezeichnet. Ob es eine “Stadt in der Stadt” werden kann, bleibt zum jetzigen Zeitpunkt noch offen. Eine solche Entwicklung dürfte nur durch entsprechende Angebote realisierbar sein, denn ein Museumsshop und ein Restaurant alleine dürften kaum die nötige Strahlkraft haben. Immerhin ist auch ein Veranstaltungsraum an das Atrium angeschlossen, eine gute Voraussetzung, um ab Sommer Leben ins Haus zu bekommen.

Die Einbürgerung der Kunsthalle

Die Prominenz bei der Ankunft

Wie geht der Anspruch der bürgerschaftlichen Verankerung mit den repräsentativen, exclusiven Events der Kunstszene zusammen – gerade bei einer so darstellungsorientierten Prestigeveranstaltung, wie der Übergabe des Neubaus. Den Verantwortlichen gelang ein geschickter Spagat. Am Wochenende 15. bis 17. Dezember öffnete der fertige Neubau seine Tore und empfing alle Interessierten bei freiem Eintritt. Dazu gab es eine reduzierte Ausstellung weniger Werke und ein Rahmenprogramm. Das Highlight sollte das Bauwerk sein. Stadtprominenz ließ sich blicken, dominierte aber nicht das Programm. Eine beeindruckende Besucherzahl von über 20 000 Personen wurde an diesem Wochenende gezählt. Ein voller Erfolg der bürgerschaftlichen Idee.

Am darauf folgenden Montag, wenn der einfache Bürger sowieso wieder arbeiten gehen muss, feierte sich die Kunst- und Politszene dann selbst. Die Stargäste Kretschmann und Steinmeier prägten den exclusiven Rahmen. Alles war ins kleinste Detail durchorganisiert und für die Öffentlichkeitsarbeit gestyled.

Bundespräsident looking at Kunst

Nach einem Abstecher in die Johannes-Kepler-Schule erreichte der Bundespräsident pünktlich um 15 Uhr die Kunsthalle. Die Presse durfte (und sollte) den Besuch dokumentieren, ein freies Bewegen durch die Halle war aber untersagt. Stattdessen wurden Medienpunkte eingerichtet, Orte an denen schöne Bilder im Sinne der Veranstalter angefertigt werden durften (diese können im Rahmen dieses Artikels und in der Bildergalerie weiter unten angesehen werden).

Das Interesse war groß. Zahlreiche Journalist*innen drängten sich mit ihren Foto- und Videokameras hinter den kleinen abgesperrten Bereichen. Die Besuchergruppe um Bundespräsidenten, Ministerpräsidenten, Oberbürgermeister, deren Ehefrauen, Museumsdirektorin, Stiftungsvorstand, Mäzene und einige wenige andere füllten ihre Rollen professionell aus: Empfang, Händeschütteln, Eintrag ins goldene Buch der Stadt, Kunstwerke anschauen. Sie beendeten ihren Rundgang auf der Party, zu der 700 geladene Gäste aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Kunstszene zusammen kamen – das offensichtliche Kontrastprogramm zur bürgerschaftlichen Offenheit des Wochenendes. Die Reden und ein anschließender Kunst-Talk durften noch durch die Medienvertreter*innen dokumentiert werden, danach endete die (Presse-)Öffentlichkeit der Veranstaltung und die hohe Gesellschaft feierte unter sich weiter.

Wer zahlt eigentlich das Vergnügen?

Gruppenfoto für die Presse: Alle wichtigen Personen posieren im Anselm-Kiefer-Raum

Bleibt noch die Frage nach den Kosten. Das bürgereigene Museum muss naturgemäß von den Bürgern finanziert werden – es sei denn, es finden sich private Sponsoren, sogenannte Mäzene, die ein gutes Werk tun wollen. Dies war beim Neubau der Kunsthalle der Fall. Von den 68,3 Millionen Euro Gesamtkosten finanzierten die Privatleute Josephine und Hans-Werner Hector einen großen Teil. Als Mitgründer der Firma SAP ist Hector wohlhabend geworden, heute gilt er als einer der hundert reichsten Deutschen. Er betätigt sich als Mäzen und Stifter. Für den Neubau der Mannheimer Kunsthalle, der “Hector-Bau” benannt wurde, ließ das Ehepaar 50 Milionen Euro springen. Den Rest finanzierte die Stadt zum Großteil selbst über Geld, das vor Jahren aus der Privatisierung der MVV stammte – dem Energiekonzern, der bekanntermaßen nicht mehr in öffentlicher Hand ist. Die Abhängigkeit der Stadt von reichen Privatleuten, die sich mit solchen Spenden ihre positive Erwähnung in den Geschichtsbüchern sichern, wird hier offensichtlich. Dennoch ist die Stadt als Betreiberin langfristig für die hohen Betriebskosten selbst verantwortlich. Aus der Erfahrung des Nationaltheaters wissen wir, dass große Kunst- und Kulturprojekte im laufenden Betrieb nicht gerade günstig sind.

Die Kunsthalle jedenfalls möchte ihrem Gründungsmotto „Kunsthalle für alle“ auch weiter treu bleiben. Daher soll zur Wiedereröffnung im Sommer 2018 das Museum weiterhin am ersten Mittwoch im Monat bei freiem Eintritt besucht werden können. Anfang Juni soll es ein “Grand Opening” geben, bevor die ersten Ausstellungen mit Werken des Fotokünstlers Jeff Wall und zwei Sonderausstellungen zur Geschichte der Kunsthalle, speziell auch in der Zeit von 1933 – 1945, starten.

(Text und Bilder: cki)

Weblinks

Kunsthalle Mannheim

Presseinformation der Stadt Mannheim

 

Bildergalerie
Festakt zur Übergabe der Kunsthalle mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ministerpräsident Winfried Kretschmann

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