Das KZ-Lager Osthofen: ein Ort der Misshandlungen und Entwürdigungen für tausende Inhaftierte [mit Bildergalerie]

KZ Gedenkstätte Osthofen

In den Gebäuden einer ehemaligen Papierfabrik entstand kurz nach der Machtübernahme der NSDAP das KZ Osthofen, das nördlich von Worms im heutigen Rheinland-Pfalz liegt, wo vom Frühjahr 1933 bis Sommer 1934 Gegner des NS-Regimes, allen voran Mitglieder der KPD, der SPD und Gewerkschafter, aber auch Angehörige des Zentrums, Juden, Zeugen Jehovas, Sinti und andere gefangen gehalten wurden.

Beispielhaft dient diese heutige Gedenkstätte als Mahnmal für eines der ersten und sehr früh eingerichteten Konzentrationslager des damaligen Volksstaates Hessen und macht damit deutlich, was die Nationalsozialisten unter Hitler von Anbeginn anstrebten:

Die Ausschaltung der politischen Gegner und Ausgrenzung ganzer Gruppen bis hin zur Vernichtung. Zwar wurde im KZ Osthofen in den 17 Monaten seines Bestehens nachweislich kein Häftling ermordet, aber die Gefangenen wurden menschenunwürdig be- und misshandelt. Nicht wenige der Entlassenen verstarben kurz darauf in Freiheit. Viele der überlebenden Inhaftierten wurden nach der Schließung des Lagers erneut verfolgt, in andere Lager verschleppt und dann später dort getötet.

Selbst den wenigen, denen die Flucht gelang, wurde europaweit von den SS-Schergen nachgestellt. Kaum einer von ihnen überlebte die Nazi-Diktatur.

Die letzten Zeitzeugen unter den ehemals Inhaftierten in Osthofen verstarben in den 1990er Jahren.

Entmenschlichung im Konzentrationslager

Die Halle für politische Gefangene

Nach der Schließung der 1872 erbauten Papierfabrik Osthofen in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden die Gebäude von März 1933 bis Juli 1934 als „Erziehungs- und Besserungsanstalt“ für sämtliche Gegner des Hitler-Regimes in der Region und darüber hinaus als Konzentrationslager genutzt. Propagandistisch pressewirksam durch die Nazi-Machthaber ausgenutzt wurde gegenüber der Öffentlichkeit der Umstand, dass man an dieser Stelle ein Exempel gegen Andersdenkende und agierende Menschen statuieren wollte vollzogen. Der Öffentlichkeit wurde suggeriert, dass hier nur regimeresistente, entartete Mitmenschen zum Wohle des national-völkischen Gedankens umerzogen werden müssten.

Willkür und Erniedrigungen durch die Lagerleitungen und Wachmannschaften prägten den Lageralltag der insgesamt rund 3.000 Insassen über die gesamte Zeit des KZ-Bestehens. Durchschnittlich waren auf dem Areal regelmäßig etwa 400, vornehmlich männliche, Inhaftierte zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten eingesperrt. Jedoch wurden auch Frauen, denen man zur damaligen Zeit kein eigene politische Meinung zubilligte und die gegen die NSDAP-Schreckensherrschaft zu Felde zogen, zur Abschreckung für einige Stunden oder ganze Tage auf dem Gelände festgehalten.

Es gab nur 3 Wasserstellen für hunderte Inhaftierte

Abhängig von der Laune der Wachmannschaften konnten die Lagerinsassen mit Lebensmitteln und Kleidung durch Angehörige von außen versorgt werden. Da es sich um politische Gefangene handelte erhielten die Menschen keine der ansonsten üblichen KZ-Uniformen. Mangelernährung und schlechtes gesundheitliches Befinden der Inhaftierten waren Alltag. Der Nazi-Arzt aus Frankfurt/Main ließ sich nur sporadisch blicken und „konnte“ keine Missstände feststellen. Die Halle, in der die Gefangenen (z.T. jeweils 30-40 Personen auf wenigen Quadratmetern) eingepfercht waren, verfügte über keine Heizungsmöglichkeiten. Nur an wenigen Stellen gab es kleine Holzkohle-Öfen, die es erlaubten die nasse und klamme Wäsche zu trocknen. Noch heute tritt in der ehemaligen Gefangenenunterkunft das Grundwasser zeitweise in Pfützen an die Oberfläche und bedeckt den Hallenboden.

Jüdische Inhaftierte wurden besonders von den Wachleuten entwürdigt. Es wird berichtet, dass diese Menschen in Teilen mit ihrem Essgeschirr die Latrinen leeren mussten. Auch wurde ihnen verwehrt Seife zur Körperhygiene zu verwenden.
Insgesamt gab es nur 3 Frischwasserstellen, welche sich im Freien befanden, für die hunderten von Gefangenen. Die Inhaftierten mussten sich ihre Unterkünfte und Betten mit Materialien aus einem nahegelegenen, nur durch die Bahngleise (Verbindungsstrecke Mannheim/Ludwigshafen – Worms – Mainz) vom KZ getrennten, Holzbetrieb stammend bauen. Dieser Betrieb galt schon damals als marode und wurde von der KZ-Leitung zudem als Sondergefängnis für Inhaftierte, die sich gegen das Wachpersonal auflehnten, genutzt. Dort wurden die Protestierer unter besonders menschenunwürdigen Bedienungen in Käfigen eingesperrt.

Hier markiert ist der Standort des ehemaligen Holzwerks

Von der Lagerleitung wurde auch bewusst angeordnet gemischte Gefangenengruppen zusammen zu legen, um Psycho-Terror auszuüben. Zum Beispiel wurde das Gerücht lanciert, dass SPD-Mitglieder KPD-Mitglieder in der nächsten Nacht zusammenschlagen würden. Oder umgekehrt oder dass Menschen jüdischen Glaubens etwas im Schilde führen würden. Diese durchschaubaren Taktiken der Nazi-Schergen sorgten jedoch für Solidarität und wachsenden Zusammenhalt unter den Gefangenen.

Flucht und Karrieren

Nur ganz wenigen Inhaftierten gelang die Flucht aus dem KZ-Osthofen.

Beispielhaft nennen wir Max Tschornicki, Rechtsanwalt jüdischen Glaubens, der noch bis Mai 1933 Sozialdemokraten und Kommunisten vor Gericht in Mainz verteidigte. Ihm gelang die Flucht mithilfe von Familienangehörigen und Bürgern aus Osthofen. Der Weg führte ihn zunächst ins Saarland, von dort nach Lyon. Später wurde er in Marseille von SS-Agenten festgesetzt und in das KZ Ausschwitz überstellt. Max Tschornicki verstarb im KZ Dachau aufgrund von „Erschöpfung“ unter den Haftbedingungen.

Wilhelm (Willi) Vogel, einem KPD-Funktionär aus Worms, gelang ebenfalls die Flucht. Auch er flüchtete zunächst ins Saarland, von dort aus weiter nach Frankreich und Spanien. In Spanien schloss sich Willi Vogel den internationalen Brigaden der Spanienkämpfer an. Wurde nach der Niederschlagung des spanischen Bürgerkriegs durch das Franco-Regime erneut inhaftiert und in das französische KZ-Gurs überstellt. Auch von dort konnte er flüchten. Sein nächstes Ziel, nach der Abschiebung aus Spanien, war Marokko, welches seinerzeit unter britischem Protektorat stand. Dort trat er 1944 in die britische Armee ein und kehrte 1946 nach Worms zurück.

Nachdem die ersten Inhaftierten flüchten konnten, wurde die waltende Wachmannschaft durch SS-Kräfte aus Darmstadt ersetzt. Diese erhöhten die Pein und Not durch z.B. die Errichtung einer Stacheldraht-Arena in der die Gefangenen menschenverachtenden Tätigkeiten unterzogen wurden und sich im Lager weiteren Schikanen ausgesetzt sahen.
Lagerleitungen und Angehörige der Wachmannschaften wurden, mit einer Ausnahme, niemals juristisch für die begangenen Gräueltaten belangt.

Links im Bild: Das ehemalige Verwaltungsgebäude

Exemplarisch steht dafür als freiwilliger Lagerleiter Karl D’Angelo -SS-Sturmbandführer-, 1890 in Osthofen geboren. Er galt als besonders willkürlich, was Freilassungen anging, und korrupt, wenn es um für ihn privat erbrachte Dienstleistungen durch Inhaftierte anging. D’Angelo wurde nach der Schließung des KZ Osthofen 1934, Schutzhaftlagerführer des KZ Dachau bis 1936. Danach machte er ab 1939 Karriere als Polizeidirektor in Cuxhaven und ab 1943 in Heilbronn. Vermutlich suizidbedingt wurde seine Leiche im Mai 1945 bei Gernsheim im Rhein aufgefunden.

Richard Hofmann, 1979 in Haft in Bonn verstorben, war nicht nur in Osthofen aufgrund seines sadistischen Verhaltens unter Inhaftierten unter Verruf geraten. Das SS-Mitglied und wegen mehrfachem Mord (in Sachsenhausen an Lagerhäftlingen) verurteilte NS-Mörder, 1913 in Bechtheim bei Alzey geboren, geriet 1945 in ex-Jugoslawien in Kriegsgefangenschaft. Wurde jedoch erst 1965 wegen seiner begangenen Verbrechen festgenommen und angeklagt. 1970 erfolgte seine Verurteilung in Köln wegen 5-fachem Mords und Mordversuchs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.
Georg Schaaf, 1902 in Sandhausen geboren, war im SS-Sonderlager Hinzert (bei Trier), als „Iwan der Schreckliche“ bekannt. Im April 1950 in Mannheim wegen mehrfacher Körperverletzung und anderen Delikten zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, nahm sich Schaaf vier Tage nach seiner Verurteilung das Leben.

KZ-Gedenkstätte Osthofen 2017

Nach der Auflösung des Konzentrationslagers im Juli 1934 (vgl. Himmler-Erlass zur Zusammenführung der Konzentrationslager unter der NSDAP) wurde ab 1936 das bebaute Areal von der Möbelfabrik „Hildebrand & Bühner G.m.b.H“ genutzt. Zwischen 1942 und 1945 waren dort auch Zwangsarbeiter beschäftigt. 1976 ging die Firma in den Konkurs. Das historische Gebäude-Ensemble begab sich in den Dornröschen-Schlaf. Ehemalige Häftlinge des KZ brachten 1978 eine Gedenktafel an einer Außenmauer an. Erst ab 1991 wurden die Arbeiten aufgenommen, um das unter Denkmalschutz stehende Areal, als Gedenkstätte zu entwickeln. Zwischen 2002 und 2004 wurden diese Arbeiten abgeschlossen.

Heute beherbergt die vom Land Rheinland-Pfalz geförderte und vom Förderverein „Projekt Osthofen“ unterstützte Einrichtung diverse Dauerausstellungen (z.B. SS-Sonderlager Hinzert). Bildungsangebote richten sich auch an Schulen und Studierende.

Im 1.OG des Haupttrakts sehen Besucher u.a. die Auflistung der 3.000 Inhaftierten und mit Angaben zu den Personen insoweit dies von Wissenschaftler*Innen ermittelt werden konnte, mittels einer Leuchtspur-Präsentation.

An gleicher Stelle befindet sich ein Raum, der der Autorin Anna Seghers gewidmet ist. Die Tochter jüdischer Eltern aus Mainz schrieb den Roman „Das siebte Kreuz“, welcher 1942 erstmalig in verschiedenen Sprachen veröffentlicht wurde. Darin beschreibt die Autorin die Zustände im KZ-Osthofen, verwendet bei ihren ortsgebundenen Schilderungen allerdings den Nachbarort Westhofen als Pseudonym. Unter der Regie von Fred Zinnemann entstand 1944 das gleichnamige Filmdrama in den USA. Die Erstaufführung des Films fand im deutschen Fernsehen erst 1972 statt. Das Grab der 1983 verstorbenen, vielgereisten, vielfach ausgezeichneten Autorin befindet sich in Berlin.

Bis zum 10.12.17 ist die Themenschwerpunkt- und Werkschau „Die NS-Zeit im Comic“ dort zu sehen.

(Text und Bilder: Christian Ratz)

 

Weblinks
http://www.gedenkstaette-osthofen-rlp.de
http://www.gedenkstaette-hinzert-rlp.de

 

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