Anlagensicherheit von Chemieanlagen benötigt auch kommunales Interesse!

BASF: Nach Abzug des Rauchs erhebliche Mängel in der Betriebssicherheit erkennbar

Inzwischen haben die Ermittlungsbehörden bekanntgegeben, dass der Arbeiter einer Fremdfirma ein leeres Rohr öffnen sollte, dabei aber tragischerweise ein benachbartes mit „Raffinat“ (also einem flüssigen Kohlenwasserstoff aus Erdöl) beaufschlagtes Rohr erwischt hat. Der Arme kann noch nicht vernommen werden, da er schwerstverletzt im Krankenhaus liegt.

Zur Vermeidung solcher Tragödien gibt es längst Gesetze, z.B. die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSiV), die aber auch eingehalten werden müssen.

Das sähe dann bei der Reparatur innerhalb einer Rohrleitungstrasse mit 38 Rohrleitungen etwa so aus: Die Nachbarrohrleitungen werden auf Risiken hin überprüft und bei hohem Risiko geschlossen und auch gereinigt wie die zu reparierende. Mindestens aber überprüft ein zweiter Mitarbeiter, ob die Leitung, die geöffnet werden soll, auch die richtige ist. (Vier-Augen-Prinzip). Es müssen in erreichbarer Nähe Druckanzeiger in allen Rohrleitungen den Status der Leitung anzeigen, die Leitungen müssen ausnahmslos mit Kennzeichnung des Inhalts beschriftet sein, etc. pp.

Die alles umfasst die Arbeitsvorbereitung: Gefährdungsanalyse, Betriebsanweisung, Koordination zwischen Auftraggeber und Fremdfirmen, Informationssicherheit, Überprüfung, Freigabe zur Arbeit. Dies alles steht so auch ganz genau in der BetrSiV drin. Schon jetzt ist klar: Es wurde von der BASF nicht so gehandelt, wie vorgeschrieben.

Auf der ersten Pressekonferenz sagte der tief betroffene Werkleiter des BASF-Standortes Ludwigshafen, Dr. Uwe Liebel2 sinngemäß: Es geht jetzt um die Verletzten und die Angehörigen der Toten, die wirtschaftliche Dimension ist jetzt vollkommen uninteressant“. Die Frage erhebt sich aber ganz zentral: Welche kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen wirken vor einer solchen Reparaturmaßnahme, wenn es u.U. darum geht, Produktionen zu unterbreechen oder Fremdfirmen-Koordinatoren vor Ort einzusetzen oder gar eigenes Personal einzusetzen?

DIE LINKE hat eine Anfrage in den Mannheimer Gemeinderat eingebracht. Denn die Betriebssicherheit eines solchen Chemie-Kolosses wie der BASF gehört ins öffentliche Interesse.

Die Kommission für Anlagensicherheit schrieb in ihrem „Bericht Risiko-Kommunikation – Anforderungen nach Störfall-Verordnung“ im Juni 2008:

„Wären seitens der Industrie konkrete qualitative oder quantitative Aussagen zu der Sicherheit von Chemieanlagen gemacht worden, wäre die Risikokommunikation in den genannten Fällen vielleicht anders verlaufen. Im Gegensatz zu den Diskussionen über den Cumaringehalt von Zimt oder Acrylamid in Kartoffelchips ist hier ein allgemeines Desinteresse zu erkennen. Die Kommunikation über die Risiken schwerer Chemieunfälle ist schwierig, da die Rollen und Aufgaben der Stakeholder sowie ihre Wünsche nicht immer eindeutig erkennbar sind.“

Deshalb müssen die Städte Mannheim und Ludwigshafen ihre Interessen stellvertretend für die Bevölkerung eindeutig zum Ausdruck bringen und sich gegenüber einem Konzern wie der BASF in Augenhöhe positionieren. Und wichtiger als die Risikokommunikation ist die Risiko-Bekämpfung!

Informationen + Stimmen
 BASF Mitarbeiterzeitung extra Oktober 2016:
Rohrleitungen „Im betroffenen Rohrgraben befinden sich insgesamt 38 Leitungen. Zehn dieser Rohrleitungen sind Ver- und Entsorgungsleitungen für nicht-chemische Stoffe wie etwa Brunnenwasser, Abwasser und Dampf. Die verbleibenden 28 Rohrleitungen enthalten insgesamt 20 unterschiedliche Inhaltsstoffe. Dazu gehören Ethylen, Propylen und verschie­dene Raffinate. Raffinate sind Nebenprodukte, die beim Spalten von Naphtha im Steamcracker entstehen. Sie sind Ausgangsstoffe für viele Produkte der chemischen Industrie, wie beispielsweise Weichmacher und Lösemittel.“


Dr. Liborio Ciccarello, Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion Ludwigshafen:
„Für die Werksleitung, die Landesregierung und die Stadtspitzen in Ludwigshafen und Frankenthal gilt es, nach dem Unglück gemeinsam die Ursachen zu suchen und für die Zukunft zu handeln: Die Kommunikation mit den Behörden und der Presse muss schneller, aufrichtiger und umfangreicher werden. Wir alle trauern mit den Kollegen und Kolleginnen der BASF um die Opfer. Nun geht es aber auch darum, Risiken für die Zukunft einzuschränken.“ 

 

 

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